Technische Details zu Undervolting

Einführung

Unter Undervolting versteht man die gezielte Reduzierung der elektrischen Spannung an CPU und GPU. Bei korrekter Anwendung hat Undervolting das Potenzial, die Temperatur und den Stromverbrauch des Systems leicht zu senken, ohne die Systemstabilität zu beeinträchtigen. Unter hoher Last kann Undervolting auch die Gesamtleistung erhöhen, da das Erreichen der Temperatur-Obergrenzen verzögert wird, wodurch die in der Spannung abgesenkte Komponenten mehr Zeit erhält, in welcher sie ihr volles Boost-Potenzial entfalten kann. Siehe auch:

Undervolting ist theoretisch auch bei Grafikkarten möglich, ist dort aber ungleich komplizierter und fehleranfälliger. Dieser Artikel behandelt deshalb ausschließlich CPU-Undervolting.

Methodik: Run-time vs. Boot-time

Es gibt grundsätzlich zwei Methoden, den "Voltage Offset"-Wert zu ändern.

  • Über das BIOS-Setup direkt beim Systemstart (Boot-Time)
  • Über eine Windows-Software im Laufenden Betrieb (Runtime)

Die Methoden haben unterschiedliche Vor- und Nachteile.

  Run-time Voltage Offset Boot-time Voltage Offset
Vorteile Erfordert keinen Neustart.
Kein Risiko eines "No-Boot"-Szenarios.
Einmal eingestellt, bleibt die Einstellung dauerhaft bestehen, solange man keinen BIOS-Reset bzw. BIOS-Update durchführt. "Fire & Forget"-Prinzip.
Nachteile Funktioniert nicht, wenn VBS (Core Isolation, Memory Integrity, Hyper-V) aktiviert ist.

Kann von Malware missbraucht werden, um Geheimnisse zu stehlen (z. B. um in den Speicherbereich des Passwortmanagers einzubrechen).

Kann versehentlich auf die Standardeinstellungen zurückgesetzt werden.
Erfordert einen Neustart, um die Einstellungen zu ändern.

Bei extremen Einstellungen besteht die Gefahr, dass das System nicht mehr startet. Benötigt dann eine Recovery-Methode wie z.Bsp. Recovery-Hotkey.

Welche Methode unterstützt wird, ist für das jeweilige Modelle in der o.g. Übersichts-Tabelle angegeben.

VBS blockiert Run-time Undervolting

Die Option "Speicher-Integrität" in den Sicherheitseinstellungen von Windows ist seit Windows 11 standardmäßig aktiviert. Diese Option ist auch bekannt als VBS (Virtalisation-based Security) oder HVCI (Hypervisor-protected Code Integrity).

Ist diese Funktion aktiv, ist CPU-Undervolting über die sogenannte "Run-time"-Methode grundsätzlich nicht möglich, da VBS den Zugriff von Software im laufenden Betrieb auf sicherheitsrelevante CPU-Register unterbindet.

win11_vbs_memory-integrity_on_de.png
Sicherheit → Gerätesicherheit → Kernisolierung → Speicher-Integrität

Eine Deaktivierung der Speicherintegrität ist grundsätzlich möglich, um Run-time Undervolting zu erlauben. Dies reduziert jedoch das Sicherheitsniveau des Systems, da Schutzmechanismen gegen bestimmte Klassen von Malware und Kernel-Exploits außer Kraft gesetzt werden. Eine solche Änderung sollte daher nur bewusst und unter Abwägung der damit verbundenen Risiken erfolgen.

Potenzielles Sicherheitsrisiko durch Plundervolt

Ein System, welches die oben beschriebene "Run-time"-Methode unterstützt bzw. durch Deaktivierung von VBS zugänglich macht, birgt zusatzälich auch das Risiko, dass die Methode von Malware (bösartiger Software) dazu ausgenutzt wird, Geheimnisse aus geschützten Speicher-Bereichen zu ergattern, wie dies durch den Plundervolt-Exploit demonstriert wurde.

Hierbei ist es unerheblich, ob der Anwender selbst bereits ein Undervolting durchgeführt hat. Das Risiko liegt nicht in der Anwendung durch den Nutzer, sondern allein schon darin, ob Run-time Voltage Offset vom System zur Verfügung gestellt (erlaubt) wird.

Recovery-Methode zur Verhinderung von "No Boot"-Situation

Wie in der Tabelle oben erläutert, hat die "Boot time"-Methode das prinzipielle Risiko, dass ein übetriebenes Undervolting dazu führen kann, dass das System nicht mehr hochfahren kann – so dass man also auch nicht mehr ins BIOS-Setup kommt um die übertriebenen Werte zurückzunehmen. Dies nennt man eine "No Boot"-Situation. Eine solche Situation macht es erforderlich, die Tuning-Werte auf Umwegen wieder auf Standard zurückzusetzen. Ein einfacher CMOS-Reset (z.Bsp. durch Herausnahme der CMOS-Batterie) genügt hierfür nicht.

Automatische Wiederherstellung

Um diese Situation zu entschärfen, hatten wir in der XMG CORE- und NEO-Serie bereits im Jahr 2021 eine umfassende Recovery-Methode eingeführt. Hierbei erkennt der von der CPU unabhängig operierende EC-Mikrocontroller (EC = Embedded Controller), ob das System mehrmals hintereinander am Boot-Vorgang gescheitert ist. Sollte dies erkannt werden, sorgt die EC-Firmware dafür, dass der nächste Boot-Vorgang mit Standard-Werten ausgelöst wird, so dass der Anwender anschließend wieder ins BIOS-Setup kommt und die Werte anpassen kann. In manchen Modell-Serien sorgt die EC-Firmware auch direkt für einen BIOS-Reset.

Manuelle Wiederherstellung via Strg+B

Diese Wiederherstellung lässt sich auch manuell über den Hotkey "Strg+B" auslösen. Hält man diese Tastenkombination beim Kaltstart gedrückt, dann wird das Zurücksetzen der Tuning-Optionen manuell ausgelöst. Anschließend sollte man wieder ins BIOS-Setup gelangen, wo man weitere Einstellungen vornehmen kann.

xmg-neo-15_ctrg-b-hotkey.jpg
Strg+B mit der linken Hand am XMG NEO 15.

Wichtige Hinweise:

  • Recovery mit Strg+B funktioniert nur während eines Kaltstarts, nicht bei Neustart.
  • Falls sich das Gerät aufgrund von nicht-bootfähigen Einstellungen in einer Reboot-Schleife befindet, muss es durch besonders langes Drücken der Einschalttaste zunächst vollständig ausgeschaltet werden. Es ist dann ausgeschaltet, wenn alle LEDs erloschen sind.
  • Vor dem Kaltstart ist es erforderlich, dass man das Netzteil herauszieht und es kurz darauf wieder einsteckt.

Ausführliche Anleitung:

  • System komplett ausschalten durch langen Druck auf den Power-Button. Das System ist dann ausgeschaltet, wenn alle LEDs erloschen sind.
  • Netzteil herausziehen und wenige Momente später wieder einstecken.
  • Strg+B gedrückt halten, die Einschalttaste betätigen, dabei aber Strg+B nicht loslassen.
  • Die Wiederherstellung ist dann erfolgreich abgeschlossen, sobald die Display-Hintergrundbeleuchtung zu sehen ist. Spätestens dann kann man Strg+B loslassen und gleich F2 drücken, um ins BIOS-Setup zu gelangen.

Dauer des Recovery-Vorgangs je nach Modellreihe

Die Dauer, wie lange man Strg+B gedrückt halten muss bzw. wie lange man im Anschluss warten muss, hängt von der Modellreihe ab.

Modellreihe Dauer des Vorganges
Modelle bis 2021 Strg+B muss bis zu zwei Minuten lang ununterbrochen gedrückt gehalten werden. Sobald der Reset erfolgreich durchgeführt wird, blinkt die LED des Power-Button kurz. Danach kann man Strg+B loslassen. Es kann jetzt je nach Modellserie nochmals bis zu 30 Sekunden dauern, bis der nächste Boot-Vorgang erfolgt. Währendessen kann man gleich F2 drücken, um beim nun folgenden Boot-Vorgang ins BIOS-Setup zu gelangen.
Neuere Modelle Wenn der Recovery-Vorgang mit Ctrl+B korrekt angewendet wird (Kaltstart mit vorher getrenntem und wiedereingestecktem Netzteil), dann dauert der Vorgang nur wenige Sekunden bis das Boot-Logo wieder zu sehen ist.

Sicherheit und Stabilität

CPU-Undervolting kann die Systemstabilität beeinträchtigen und (wie im vorherigen Abschnitt erläutert) dazu führen, dass sich das System nicht mehr hochfahren lässt. Daher ist es erforderlich, das System in kleinen Schritten an das Optimum heranzuführen und nach jedem Schritt zu testen.

In Punkto Stabilität gibt es zwischen "bootet nicht" (worst case) und "führt manchmal zu Abstürzen" eine große Grauzone. Daher kann man erst nach langer Testphase (ggf. mehrere Wochen) wirklich sicher sein, ob eine Undervolting-Einstellung stabil ist.

Undervolting gilt als nicht-destruktiv

Undervolting kann zwar die Systemstabilität beeinträchtigen oder sogar zu "No Boot"-Situationen führen. Aber dies gilt immer nur für Zeiträume, in denen auch wirklich entsprechend hohe Voltage-Offset-Werte anliegen. Sobald man diese wieder auf Null zurücksetzt, sind sämtliche Instabilitäten vorbei. Undervolting hat somit keine negative Nachwirkung und wirkt sich auch nicht negativ auf die Lebensdauer des Gerätes aus. Dies ist ein entscheidender Vorteil von Undervolting gegenüber Overvolting und Overclocking. Wir unterstützen daher Undervolting – aber nicht Overvolting.

Stabilitätstests

Es werden folgende Tests empfohlen:

  • Prime95, Preset "Small FFT" mit deaktiviertem AVX
  • AIDA64 System Stress Test
  • Furmark, 3DMark oder Gaming Tests

Prime95 und AIDA64 testen standardmäßig nur die CPU. AIDA64 gilt hierbei als der härtere Test. Das Scheitern des eines solchen Tests kann sich in einem Bluescreen oder einem Programmabsturz bemerkbar machen. Bei AIDA64 könnte auch die Meldung "Hardware failure detected" erscheinen, wie im folgenden Screenshot zu sehen:

aida64_trial-version_hardware-failure.png
Screenshot: AIDA64 "System Stability Test" mit Standard-Einstellungen (CPU, FPU, cache, system memory) und einem Fehler nach etwa 38 Minuten.

Sollten diese Tests keine Instabilitäten aufweisen, kann man auch noch GPU- und Gaming-Tests hinzuziehen. Auch wenn die Grafikkarte vom CPU-Undervolting unberührt ist, so ruft typische 3D-Last auch eine recht hohe und recht fluktuierende CPU-Last hervor, u.a. auch durch den intensiven Datenaustausch zwischen CPU und Grafikkarte über die PCI-Express-Schnittstelle.

Bei Vorfällen jeglicher Art: Undervolting zurücknehmen

Auch wenn die zuvor genannten Stabilitätstests erfolgreich verlaufen, heißt das noch nicht, dass die Undervolting-Einstellung zu 100% stabil ist. Instabilitäten können auch sporadisch bei variabler oder geringer Last auftreten.

Derartige Langzeit-Instabilitäten können sich in Symptomen wie Software-Abstürzen, Bluescreens, willkürliche System-Abschaltung, visuellen Bild-Artefakten oder Audio-Glitches äußern. Dies kann im Grenzbereich zwischen "stabil" und "instabil" ggf. auch erst nach mehreren Wochen aktiver Nutzung auftreten. Sollte es also jemals zu unerwarteten Vorfällen kommen, sollte man das Undervolting um ein paar Stufen zurückfahren und weitertesten bzw. weiterarbeiten.

Rückblick

Einige Ereignisse oder Trends der letzten Jahre haben die Unterstützung von Undervolting zunehmend erschwert – oder teilweise auch unmöglich gemacht. Die folgende Chronik stellt die Entwicklung der letzten Jahre dar.

Vor 2019 Voltage Offset war bei Intel-CPUs der H-Serie in der Regel freigeschaltet. CPU-Undervolting war sowohl bei Desktop- als auch bei Mobil-Plattformen weit verbreitet.
2019 Nach der Veröffentlichung der Sicherheitslücke Plundervolt empfahl Intel den OEMs, Undervolting nicht mehr anzubieten (Quelle). Viele Hersteller folgten dieser Empfehlung.
2020 Es bestand Unklarheit darüber, ob Intels Empfehlung verbindlich war. Nach Rücksprache bestätigte Intel, dass Voltage Offset weiterhin angeboten werden darf, sofern OEMs die Risiken kennen und verantworten. Dadurch konnten wir Undervolting in vielen Modellen weiter anbieten. In diesem Kontext veröffentlichten wir auf Igor’s Lab eine offizielle Undervolting-Anleitung zur Intel Core 10th Gen H-Serie.
2021 Mit Intel Core 11th Gen H (Tiger Lake) führten wir für XMG CORE und XMG NEO einen automatischen Recovery-Mechanismus ein. Die EC-Firmware setzt BIOS-Tuning-Optionen zurück, wenn das System mehrfach nicht bootet. Zusätzlich kann die Wiederherstellung manuell per Hotkey (Strg+B beim Kaltstart) ausgelöst werden. Damit wurde BIOS-basiertes Undervolting für diese Serien effektiv abgesichert.
2022 Mit Intel Core 12th Gen wechselte die H-Serie technisch auf die kompaktere P-Plattform, bei der die für Voltage Offset notwendige MSR-0x150-Mailbox nicht mehr vorhanden ist. Undervolting war damit auf H-CPUs nicht mehr möglich. Eine Ausnahme bildete der i9-12900HK. Parallel führten wir für ausgewählte Modelle das alternative Tuning über AC Loadline per BIOS ein. Ebenfalls 2022 erschien die auf Desktop-Chips basierende Intel HX-Serie, die Voltage Offset weiterhin unterstützt. Ab Ende 2022 wurde zudem schrittweise Intels "Undervolting Protection" über Referenz-Code-Updates eingeführt (siehe Screenshot), wodurch Undervolting zunächst vollständig blockiert wurde (Quellen/Beispiele: [1] [2] [3]).
2023 Die Intel Core 13th Gen HX-Serie erzeugte großes Interesse bei Enthusiasten. Gleichzeitig war Undervolting durch aktivierte Undervolting Protection zunächst nicht möglich. Eine problematische Wechselwirkung mit BIOS-Update-Mechanismen (AMI/Insyde) verhinderte lange Zeit eine sichere Freigabe. Nach intensiver Abstimmung mit Intel, BIOS-Lieferanten und ODMs konnten diese Hürden überwunden werden, sodass Undervolting wieder offiziell in ausgewählten Modellen angeboten werden konnte.
2024 Undervolting war in den meisten Modellen mit Intel HX-Plattform wieder verfügbar. Insgesamt nahm die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema ab. Auf AMD-Seite etablierten sich weiterhin effiziente Mobil-Plattformen ohne Undervolting. Mit AMD "Dragon Range" (Desktop-Ableitung) wurde Undervolting prinzipiell möglich, jedoch ohne einheitliche BIOS-Codebasis. Mit dem XMG APEX 17 MAX boten wir für unsere Marke erstmals dokumentierte BIOS-Undervolting-Optionen auf AMD an.
2025 Intel ersetzte die 14. Generation Core durch die Intel Core Ultra-Serie. Undervolting ist weiterhin nur in der Desktop-abgeleiteten HX-Serie möglich, nicht jedoch in der mobilen H-Serie. Bei AMD gilt Entsprechendes für Fire Range (Nachfolger von Dragon Range). Auch hier konnten wir die einige BIOS-Optionen trotz hoher Komplexität sicher implementieren.

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